Samstags sind wir alle Barbaren!

Ein Samstag in der Stadt fühlt sich an, wie eine Wurzelbehandlung durchgeführt von einem Zahnarzt auf Alkohol Entzug. Man weiß ganz genau, dass das nicht gut gehen kann, aber man lässt sich dennoch darauf ein.
Allein die Fahrt in die Stadt gestaltet sich genauso spannend, wie die Steuererklärung an einem Sonntagnachmittag. Menschen, die sonst die freundlichsten Familienväter sind, werden plötzlich hinter dem Steuer zu einer der größten Bedrohung der Menschheit. Um einen Parkplatz zu ergattern, werde alle Register gezogen, selbst wenn dies bedeutet, dass eine ganze Gruppe von Shopping-Trip-Senioren auseinandergesprengt wird.  
Wichtig bei der Auswahl des Parkplatzes ist die Distanz, die zurückgelegt werden muss, bis das erste Geschäft erreicht ist. Moral sucht man dabei vergeblich, es kämpft jeder gegen jeden, aber nach klar definierten Regeln. Es ist eine Mischung aus Straßenverkehrsregeln und der Aussage „Das geht doch wohl nicht!“. Sollte jemand gegen diese Regeln verstoßen, signalisiert man das allen Mitmenschen durch ein Hupen oder eines Aufschreies aus dem Fahrzeugfensters. Wichtig dabei ist, je vulgärer desto besser. Sollte man den Weg in ein Parkhaus gefunden haben, informiert man sich am besten sofort über die Kosten, die pro Sekunde anfallen. Parkhäuser bieten mittlerweile viele Möglichkeiten an, entweder man kann direkt einen Kredit aufnehmen, eins seiner Kinder dalassen, oder einfach eins seiner Organe verkaufen.

Wenn sie jetzt glauben, dass das schon der nervigste Teil war, dann muss ich sie leider enttäuschen. Der Endgegner, die Einkaufsstraße steht uns noch bevor. Die Einkaufsstraße sieht auf dem ersten Blick wie eine Massenkarambolage aus und wenn Sie versuchen zwischen den ersten Leuten durchzugehen, fühlt es sich auch genauso an. Sofern sie keinen Rollstuhl oder Kinderwagen besitzen, ist die Chance unverletzt ans Ziel zu kommen gleich Null. Sollten sie vor einem Schaufenster einfach stehen bleiben, ist die Steinigung nur noch wenige Sekunden entfernt. Alle benehmen sich ein wenig so, als würde ihnen die Stadt gehören. Mitgefühl ist hier komplett fehl am Platz. Möchten sie sich dem Stadtbild dennoch anpassen, müssen Sie gestresst aussehen. Als Städter haben sie nie Zeit, sie sind immer irgendwie im Stress. Schauen sie dazu einfach so, als hätte sich gerade ihre Schwiegermutter auf einen spontanen Besuch angekündigt. Sollte jemand vor ihnen stehenbleiben, müssen sie unbedingt die Augen verdrehen und dabei laut prusten. Sollten sie schon zu den Fortgeschrittenen gehören, dürfen sie beim Vorbeigehen laut schimpfen. Um ein anrempeln zu rechtfertigen, brauchen sie einfach nur auf ihr Handy schauen. Man könnte sich natürlich auch die Stadt ansehen, oder die schön dekorierten Schaufenster, das wäre aber eher Mainstream und Mainstream will ja keiner sein.

Hat man sich zu einem Geschäft durchgekämpft, wird man dafür mit einer Klimaanlage belohnt. Sollte es draußen kalt sein, wurde die Klimaanlage auf Sonnenoberfläche eingestellt, ist es draußen warm, steht die Klimaanlage auf Arktis. Meine Vermutung ist, dass man dadurch ein geschulteres Empfinden für Temperaturen entwickeln soll.
Die Verkäufer sind dann natürlich gestresst und wirken leicht genervt, falls sie etwas Fragen sollten. Dieses Verhalten ist natürlich so gewünscht und hart antrainiert. Das soll das Einkaufserlebnis noch steigern. Sie sollen das Gefühl bekommen der Laden wäre zu exklusiv für sie. Auch wenn die meisten Geschäfte von innen ein wenig wirken, als wäre gerade eine Bombe explodiert und das Sortiment dabei wild umher geflogen.

Der anschließende Pausenkaffee muss in einem Starbucks erworben werden, ansonsten ist man ein niemand. Je länger der Name ihres Getränkes ist, das sie bestellen, desto wohlhabender und einflussreicher sind sie. Wie wäre es denn mit einem Vanille Matcha Tea Latte, natürlich mit fettarmer Soja Milch, sie sind schließlich kein Barbar. Diese Bestellung zeigt allen Anwesenden, dass sie erfolgreich im Leben sind, oder Influencer. Den Kaffee müssen sie „to go“ bestellen, erst dann erhalten sie den begehrten Becher mit dem Logo und ihr Prestige Level steigt exorbitant. Möchten sie dieses besondere feeling einmal für zuhause erleben, habe ich nun einen großartigen Tipp für sie. Bereiten sie sich einfach einen Kaffee zu, so wie sie es auch sonst tun, anschließend schreiben sie ihren Namen vollkommen falsch auf eine Tasse. Aus Frank wird Phrenck! Nehmen sie nun 10 Euro aus ihrem Portmonee und verbrennen diese einfach, trinken sie jetzt den Kaffee. Sie sollten sich nun etwas blöd vorkommen, aber das ist der Preis des besonderen.

Ein weiterer Vorteil eines Samstages in der Stadt ist die Nähe zur jüngeren Generation. Man kann quasi direkt miterleben, warum diese Welt zu Grunde gehen sollte. Dreizehn jährige Mädchen geben ihr Taschengeld für einen Frappuccino aus, mit dem anschließend auf Instagram posiert wird. Heute definiert man sich durch einen teuren Kaffee und der Genuss entsteht durch die Likes der Unbekannten. Danach werden noch gefühlt hundert Snapps des Getränks gemacht, scheinbar ist klotzen jetzt voll im Trend, sry Afrika. 
Mitten in der Einkaufsstraße nennt ein Mädchen ihre Freundin „Hurensohn“ und irgendwo auf der Welt stirbt dafür ein Geschlechterforscher. Das Styling scheint aber weitestgehend gleich zu sein. Es werden Augenbrauen gezeichnet, die dem Nike Symbol sehr ähneln, darauf ein enges Top was in die Skinny Jeans gesteckt wird, die Jeans natürlich Knöchelfrei. Dazu trägt die Dame von Welt weiße Schuhe, die so aussehen, als hätte ein Gesundheitsschuh sex mit einem Ballon gehabt.
Aber dazu in einem anderen Blog mehr.

So ein Samstag in der Stadt ist also der Traum eines jeden Masochisten. Hochlebe der Onlinehandel!

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