Das Barista Massaker

Letztens verspürte ich den Drang, einen leckeren Kaffee zu verschlingen. Natürlich durfte es nicht einfach nur ein Kaffee aus der Kaffeemaschine sein.
Nein.
Ich wollte viel mehr eine Hommage an den Kaffee erleben. Bei jedem Schluck des Kaffees wollte ich den Schweiß der armen Kaffeebauern schmecken, umso erhabener fühlt man sich dabei.
In der heutigen Zeit kann man nicht einfach nur in ein Kaffee gehen, um einen guten Kaffee zu genießen. Es muss mindestens ein Barista anwesend sein, der seinen Beruf als Manager einer großen Bank aufgegeben hat, um den Traum des Baristas zu leben.

Spontan entscheide ich mich für das Kaffee „El Coffeedente“. „El Coffedente, soll wohl eine Anspielung auf El Presidente sein“, denke ich mir und betrete das Kaffee. Von innen gleicht das Kaffee einem Rohbau, der durch einen Barista besetzt wird. Es ist eine Mischung aus Waschbeton und Industrial Style, der so wirkt, als wäre er vom Sperrmüll zusammen gestohlen. Selbst Berlin 1945 hatte mehr Charm, als dieses Kaffee-Bar Konzept.
„Naja“, denke ich und sehe mich weiter um. Überall sitzen Leute an ihren Laptops und versuchen dabei wichtig auszusehen. „Ja genau, wir müssen den Content einfach nur an die User bringen“, spricht ein Typ mit Mütze, goldener Fliegerbrille und Vollbart in seine Kopfhörer. „Oh schau an, Lt. Pete „Maverick“ Mitchell aus Top Gun, hat dann wohl doch die Branche gewechselt. War ja auch ziemlich stressig dieses rum gefliege“, argumentiere ich mit mir selbst. Während dessen laufen mir zwei Kinder um die Beine und schreien dabei immer wieder „Frei entfalten, frei entfalten!“ Leicht genervt stelle ich den Kindern ein Bein.
Als beide mit den Gesichtern auf dem Boden aufklatschen, versuche ich nicht zu lachen und sage mit erhobenem Finger „So ist das mit dem Frei entfalten, irgendwann schlägt dir die Realität dann ins Gesicht.“ Die Kinder laufen weinend davon, was wiederum ein Glücksgefühl in mir auslöst.

Ich stelle mich vor die Theke und der Barista begrüßt mich mit einem „Buenos días“.
Darauf begegne ich ihm mit „Tuve sexo con el presidente“.
Der Barista schaut mich etwas verwundert an.
„Sie hatten Sex mit dem Präsidenten?“, fragt er.
„Ja damals, verrückte Zeit, Drogen und aber auch fürs Vaterland“ sage ich und zucke mit den Schultern.
Leicht irritiert schaut der Barista mich nun an. Bestimmt fragt er sich, wer bei der Präsidentengeschichte oben lag.
„Was darf es denn delicioso geben?“, fragt er mich.
„Das mit dem Spanisch wird jetzt leicht anstrengendo“, erwidere ich.

Ich schaue auf die Karte über der Theke und lese vor mir her: „Milchkaffee, Espresso, Latte Macchiato, Espresso Toffifee Mandel Frappuccino, Iced Strong double white Americano und Caramel Bacon Haselnuss Twix Macchiato.
„Alles zum Mitnehmen?“, scherzt der Barista.
Ich lache gekünstelt.
„Mensch, der Witz kam ja jetzt überraschend“, sage ich.
„Ich nehme einfach einen Filter Kaffee, das geht dann doch am schnellsten.“
„Welcher darf es denn sein“, fragt der Barista.
„Naja, am liebsten den aus diesen kleinen braunen Bohnen, glaube das nennt sich Kaffee“, erwidere ich leicht genervt.
„Na also wir haben Hand manuell brew coffee, Cold brew coffee oder V60 brew coffee“.

Mit meinem Finger forme ich eine Waffe unter meinem Pulli und sage „Okay, wenn du nicht willst das ich dir die Fresse wegschieße, gibst du mir jetzt sofort einen Filterkaffee!“
Der Barista lacht und erklärt mir, dass er das Filmzitat nicht kennen würde.
Ich bin fassungslos und frage mich, ob er nicht Schulungen zur Prävention gegen Raubüberfälle geben könnte.
Ich atme tief ein und langsam wieder aus, laut dieser Meditation Gurus soll das ja einen davor bewahren, seine Mitmenschen mit einer Kettensäge zu zerteilen.
„Pass auf“, fahre ich ihn an. „Ich will einfach nur einen ganz normalen Kaffee.“
„Ich gebe dir einfach mal einen V60 brew coffee“, sagt er.
„Aaaaja und V60 steht dann dafür, dass der mit Rohöl aufgegossen wird?“, frage ich scherzend und lache unnatürlich. Ich möchte ihm damit meine Versöhnung anbieten, schließlich hatten wir einen schweren Start.
„Ähm Nein, V60, so heißt unsere Kaffeemaschine“, erklärt der Barista und sieht mich dabei an, als hätte ich gefragt, ob man in Durchfall auch Baden kann.
„Das war nur ein Wi… egal, vergessen wir das einfach“, antworte ich dem Barista.
„Also jetzt doch keinen Kaffee“, frag er verwundert.

Ich muss gestehen, dass es auf dem Polizeipräsidium ausgezeichneten Filterkaffee gibt.
Ohne dass man zwischen hundert Variationen wählen muss. Der Beamte hatte mir direkt einen angeboten, nach dem er mich mit den Handschellen am Vernehmungstisch angekettet hatte.

„Sie müssen mir jetzt aber nochmal genau erklären, wie genau sie die Kaffeemaschine samt Kaffeebohnen in den Mund des Baristas bekommen haben“, fragt er mich leicht bewundernd.


 


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