Der Telekomtechniker

Der Telekomtechniker ist ein sehr seltenes Exemplar in der Erdbevölkerung. Es gibt zwei Arten, die eine Art ist sehr freundlich und die andere ist das genaue Gegenteil.
Meistens tauchen sie an Orten auf, wo z.B. ein Internetanschluss neugeschaltet werden muss. Natürlich tauchen sie nicht einfach aus dem Nichts aus, sie kündigen sich mit einer Vorlaufzeit von 4 bis 6 Wochen an. Der Techniker ist schließlich ein sehr gestresstes Lebewesen und daher auch nur mit äußerster Vorsicht zu behandeln.

Auf Grund meines Umzuges musste das Internet in der neuen Wohnung geschaltet werden. Aus diesem Grund durfte ich also diesem wunderschönen Naturschauspiel beiwohnen. Wie an einem Wasserloch in der Steppe pirschte sich der Techniker also langsam an meine Wohnung heran. Mit seinem typischen Brunftruf „Der Telekomtechniker ist da.“, kündigt er sich an der Gegensprechanlage an. Natürlich öffne ich die Türe nur sehr langsam, ich möchte ihn unter keinen Umständen verschrecken.

Da meine Wohnung in der 2 Etage liegt und diese nur über das Treppenhaus zu erreichen ist, ist der Techniker jetzt schon sehr gestresst, was natürlich nicht die beste Grundlage ist. „Ich komme wegen dem Internet.“, erklärt er mir.
Ich bin natürlich sehr dankbar über den Hinweis, da ich sonst davon ausgegangen wäre, dass er für eine Runde Scrabble vorbeigekommen wäre.
Zuerst erkundet er kurz die Wohnung, um natürliche Feinde ausfindig zu machen. Anschließend widmet er sich der Telefondose im Flur. Schon beim Messen der Dose beschwert er sich: „Sanierte Wohnung sind für uns Techniker ein Graus!“. „Ohje“ denke ich und frage mich, ob das ggf. ein ungewohnter Lebensraum für ihn ist.

„Ja aber abreisen und neu bauen wäre bestimmt teurer gewesen.“, antworte ich darauf, um ihm zu zeigen, dass ich sonst auf seiner Seite bin.
„Die Dose ist bestimmt nicht angeschlossen, sollen wir wetten?“, erwidert er.
Ich halte kurz Inne und überlege was ein guter Wetteinsatz wäre. Ich entscheide mich aber nichts zu sagen, schließlich hat er mehr Erfahrung, was ich unter Insiderwissen verbuchen muss.
Er schraubt die Dose auf und siehe da, die Kabel sind lose dahinter. „Na siehste, hätte ich mal um Geld gewettet.“, sagt er sehr selbstsicher. Ich lache gekünstelt, schließlich zahle ich schon 40 Euro für seinen Besuch und frage mich gerade wofür.

„Typisch diese Elektriker, kriegen dafür Geld und machen es dann nicht.“, schimpft er. „Der Telekomtechniker kommt ja eh, dann kann der das ja machen.“, fährt er fort. „Ja Elektriker bin ich leider nicht, sonst hätte ich das schon vorher kontrolliert.“, erwidere ich darauf. Dann herrscht plötzlich Stille und ich werde ein wenig nervös. Ich gehe zwei Schritte zurück, schließlich habe ich Angst vor Bisswunden und meine letzte Impfung ist auch schon wieder etwas her.

„So ist angeschlossen, jetzt müssen wir nur in den Keller zum Hauptanschluss.“, murmelt der Techniker. Da kann ja nun nicht mehr viel schief gehen, denke ich und marschiere los. Im Keller zeige ich dem Techniker die Dose, die mir auch schon der Hausverwalter als Hausanschluss zeigte.
„Ne, dass ist der Gebäudeverteiler!“, motzt der Techniker. „Wie schon oben erwähnt bin ich kein Elektriker!“, erwidere ich. Nun fühlt sich der Techniker in seinem Element und spricht ganz offen zu mir. „Ja, ich sag ja Sanierungen sind scheiße, da hat der Elektriker wieder was hin gewichst und ich kann jetzt gucken was ich mache!“, poltert er los.
Im ersten Moment war ich etwas über die vulgäre Art verwundert, aber auf der anderen Seite war ich mir sicher, dass wenn ich jetzt mitspiele, der Techniker ganz handzahm wird.

Also versuche ich selbst eine Lösung zu finden und schlage folgendes vor, „Daneben ist die Dose für das Kabelfernsehen, vielleicht gehen wir darüber?“. Der Techniker schaut mir nun direkt in die Augen und für einen Moment kann ich direkt in die Hölle schauen. „Ich bin von der Telekom und nicht vom Fernsehen, da können Sie mir auch gleich einen Wasserhahn zeigen!“, erwidert er.
Gut, am liebsten hätte ich ihm gezeigt, was fünf Finger zum Gesicht sagen, aber einer von uns beiden muss jetzt die Contenance behalten.

Neben mir steht ein Kantholz an der Wand angelehnt und ich frage mich, wie viel Jahre ich wohl bekommen würde, wenn ich den Techniker gleich hier zur Strecke bringen würde. Und ob die Telekom mir dafür einen Bonus auf meine Rechnung geben würde, schließlich sorge ich für Kundenzufriedenheit in dem ich die schlechten aus dem Verkehr ziehe. Sozusagen eine Art natürliche Auslese.

Ich denke einfach an Hundewelpen und stelle mir vor, welche schlechte Kindheit der Techniker gehabt haben muss, damit ich ihn ein wenig mag.

„Ne, dass hat hier alles keinen Sinn. Da müssen Sie einen neuen Termin machen und mit dem Hausverwalter sprechen!“, ist die Expertise des Technikers. Ich setze ein lächeln auf und sage: „Na ist doch nicht so schlimm.“ und beim aussprechen läuft mir eine Träne am Gesicht herunter.

Wir gehen zurück in die Wohnung und der Techniker packt seine Sachen zusammen. Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte ich mich gerade getrennt und wir sind an dem Punkt, wo der andere seine letzten Sachen aus der Wohnung holt. „Gut, dann bin ich mal weg und sie machen einfach einen neuen Termin, soweit ist ja jetzt alles vorbereitet.“, verabschiedet sich der Techniker.
Ich bekomme so grade ein „Ja“ über die Lippen, zu schwer der Abschied und die Gewissheit, dass das Internet noch auf sich warten lässt.

Mein Herz bricht in zwei als er aus der Türe tritt. Er bleibt stehen, dreht sich um und schaut mich noch ein letztes Mal an. „Tschö mit ö.“, wirft er mir zu. Ich lache ein letztes Mal gekünstelt und dann fällt die Türe ins Schloss. Ganz allein stehe ich nun im Flur und schaue den Router an. Die Lampe des Routers blinkt noch ein letztes Mal beim Internet, als wollte der Router mir zeigen, dass er aufgegeben und sein letzter Herzschlag geschlagen hätte.

Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich nur noch eins tun kann, den Stecker ziehen. Ich packe den Stecker des Routers und ziehe diesen vorsichtig heraus. Nun sind alle Lichter erlöscht und es herrscht Totenstille. Ich lege meine Hand auf den Router, er ist noch warm. Mit einem Tempo decke ich den Router ab, zu schwer der Anblick über den Verlust. Meine letzten Gedanken kreisen über den jetzigen Verbleib des Routers, ob er nun an einem besseren Ort ist und wie ich jetzt Netflix schauen soll.

First World Problems eben.

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