Reisende sind auch nur Menschen

Reisende, die am Flughafen auf ihren Flug warten, sind wie bösartige Krebsgeschwüre. Sie nisten sich ein, wirken harmlos, aber sobald das Boarding beginnt, brechen sie mit ihrer ganzen Boshaftigkeit aus. Egal wer jetzt im Weg steht, der Hartschalenkoffer sprengt den Weg frei. Erfahrende Reisende kennen das Gebiet, für sie gehören Abkürzungen zur Tagesordnung, Lücken zwischen wartenden Reisenden werden geschickt genutzt. Sollte sich eine Warteschlange gebildet haben, versucht man es ganz vorne. Was auf deutschen Autobahnen nicht funktioniert, funktioniert beim Boarding schon, die Rede ist vom Reißverschluss verfahren. Dabei sind die Variationen der Reisenden fast unendlich.

Nehmen wir als Beispiel Heike. Heike ist eine Karrierefrau, sie ist eine ganz taffe und Gnade ist für sie ein Schimpfwort. Bei der Entbindung ihres Kindes hat sie die Nabelschnur selbst durchgebissen und ist anschließend ins Büro gefahren. Heike hatte immer nur ein Ziel vor Augen, erste sein. Natürlich sitzt sie ganz vorne im Terminal, so ist man einfach schneller beim Boarding Personal.
In Heikes Körper herrscht eine Grundnervosität, zu groß der Druck das sie nicht die erste im Flieger ist und der Flieger ohne sie fliegt. Am liebsten ist sie die, die als erste den Piloten begrüßt, schließlich träumt sie schon lange von einer Beziehung mit einem Piloten. Ihren Roland würde sie dafür aufgeben, der macht schließlich nur irgendwas mit Immobilien. Allein die Vorstellung, sie könnte ihren Freundinnen erzählen, dass ihr Mann ein Pilot ist, lässt sie innerlich erbeben.

Hinter Heike sitzt Wolfgang. Wolfgang ist Vertriebler für eine Zigarettenfirma. Hört man ihn aber reden, könnte man davon ausgehen, er wäre selbst der Chef der Firma. Leider ist er auch nicht zu überhören, da im Terminal telefoniert werden muss, zu groß die Angst vor den eigenen Gedanken. Natürlich nicht mit Headset, sondern das Handy wird mit der Hand ans Ohr gepresst. So kann jeder die teure Uhr bewundern, die er am Handgelenk trägt. Statussymbole waren schon immer sein Ding. Charakter und Moral sind nach seiner Auffassung eine Erfindung von kleinen Leuten, die Schuld wiederum dafür trägt natürlich der Staat. Neidgesellschaft eben, so seine Auffassung. Am Telefon diskutiert er gerade darüber, dass der Kunde, zu dem er fliegt, zwar ein Arschloch sei, aber ihm selbstverständlich aus der Hand fressen würde. Wolfgang ist schließlich einer der Vertriebler, die wissen wie das Business läuft. Das Telefonat wird mit einem Sexistischen Witz über die Gattin beendet, welche in diesem Moment wohl ganz froh darüber ist, dass Ihr Gatte auf Reisen ist. Wolfgang fliegt Business Class, wenn er dürfte, würde er dem Piloten natürlich zeigen, wie man so ein Flugzeug richtig fliegt, aber das geht ja aus Versicherungstechnischen Gründen nicht. Das weiß er so genau, weil er das schonmal bei einem Bus gemacht hatte. Verletzt wurde dabei eine ganze Kindergartengruppe, als er mit dem Bus in den Kindergarten „Kleine Mausefalle“ krachte. Laut seiner Aussage war das aber die Sonne schuld, die Stand so ungünstig.

Neben Wolfgang sitzt Josephine. Josephine ist 84 und hat im Leben schon viel erlebt. Sie selbst hat Berlin als Trümmerfrau wiederaufgebaut, fast ganz allein. Nur ihr verdanken die jungen Leute heute alles, was die jungen Leute halt ebenso haben. Aber die jungen Leute sind für sie ein rotes Tuch, alle Respektlos und verdorben diese jungen Leute. Daher muss sie sich ihren Platz in der Gesellschaft mit ihren Ellenbogen zurück erkämpfen. Dabei ist egal welche Mittel eingesetzt werden. Josephine setzt da gekonnt auf das Alter. Da werden eben auch schwangere angerempelt oder Kinder vor den Bus geschuppst, sie ist ja jetzt schließlich auch schon 84 Jahre alt. Wäre sie noch genauso stark wie damals, als sie selbst den Führer im Armdrücken besiegte, dann würde sie einfach alle eigenhändig in die Turbine des Flugzeugs werfen. So eine Art „Natürliche“ Selektion. Und auch generell war früher alles besser.

Ein ganzes Stück weiterhinten sitz Anna. Berufsbezeichnung: Influencerin. Anna hat auf Instagram 200 Follower und ist nach ihrer Einschätzung, eine der ganz großen. Als erstes wird ein kleines Video für ihre Story gedreht. “Hallo Leute, hier ist eure Anna. Ich sitze hier gerade im Flughafen und warte auf mein Boarding Hashtag Travelling. Freu mich schon so mega auf meinen Flug, Kussi und fühlt euch gedrückt“, schleimt sie in die Kamera. An dieser Stelle würden selbst Notärzte kotzen und die haben schon so ziemlich alles gesehen. Anna legt noch einen Filter über das Video, um ihre natürliche Schönheit zu unterstreichen. Anschließend werden noch Selfies in den verschiedensten Posen geschossen. Das Gesicht bleibt dabei immer gleich. Eine Mischung aus Erotik und dem Gesicht, das man macht, wenn man sich nicht sicher war, ob bei dem Furz mehr als nur heiße Luft rausgekommen ist. Das alle umliegenden Personen gerade Mordgedanken gegen Sie entwickeln, dass interessiert Anna nicht. Alles Hater, da ist sie sich ganz sicher.

Am Ende des Terminals Meditiert Paul. Paul nennt sich selbst Anandashakti. Gesundheit lieber Leser. Heißt irgendwas mit Kraft der Freude, hat er natürlich im Internet gelesen. Seine Selbsteinschätzung ist die, dass er mit seiner positiven Energie andere Menschen ansteckt. Er glaubt übrigens auch an die Lichtnahrung und möchte sich daher nur noch von der Sonne ernähren. Dem Umweltschutz hat er sich natürlich auch verschrieben und den „Atomkraft nein danke“ Aufnäher trägt er auf seinem riesigen Backpacker Rucksack. Welcher ein wenig Aussieht wie das Eigenheim eines Waschbären. Heute fliegt er nach Brasilien, um sich dort im Urwald von der Sonne zu ernähren. Da steht der Umweltschutz halt einfach mal hinten an, schließlich macht er das Ganze für ein höheres Ziel, so zu mindestens rechtfertigt Paul das ganze vor sich selbst.

In der Zeit vor dem Boarding wirken die meisten relativ entspannt, was aber nur den Gegner verwirren soll.
Kaum wird das rote Licht auf Grün geschaltet und zum Boarding aufgerufen, ändert sich die Situation schlagartig. Es bricht eine Hektik aus, wie als würde man Robert Geiss zum Frauenbeauftragten erklären.
Es entsteht plötzlich ein Gedrängel und nur Heike steht ganz vorne und schreit laut „Erster“, mit leicht erregter Stimme. Wolfgang ist Vielflieger und darf natürlich auf Grund seiner Meilen als VIP an der Schlange vorbei. Dabei schaut er allen Wartenden in die Augen, er will den Hass und die Verachtung spüren, die gerade jeder in der Schlange für ihn empfindet. Hat er sich auch hart erarbeitet, so zu mindestens deutet er selbst die Situation. Kurz bevor er das Flugzeug betritt fällt ihm auf, dass er doch tatsächlich das Handy im Terminal hat liegen lassen. Mit gesengtem Blick läuft er an allen Warten vorbei. Handy lag zum Glück noch an seinem Platz. Er hatte schon Angst, dass diese Ausländer schneller waren, aber ein Nazi wäre er nicht. Er rennt zurück zum Flieger. Die Blicke der wartenden sind nun nicht mehr Hass erfüllt. Es wirkt nun eher so, als wäre die Schadenfreude über alle hereingebrochen.

Josephine hat es da etwas schwerer, sie diskutiert gerade mit einer aufgebrachten Mutter. Josephine hatte in der Hektik den Kinderwagen umgeschmissen und war dabei auf das Baby getreten. „Naja“ sagt Josephine. „Nun stellen Sie sich mal nicht so an, mir sind schon Fliegerbomben vor den Füßen explodiert und ich bin auch schon 84 Jahre alt, Respekt vor dem Alter“, sagt sie mit bestimmender Miene und hochgehobenen Zeigefinger.
Auch Anna hat es nicht so leicht, sie versucht in der Schlange als VIP durchzukommen. Ständig wiederholt sie ihren eigenen Namen mit verstellter Stimme. Anschließend antwortet sie dann laut mit einem „Ja genau ich bin die Anna“. Wobei sie das „die“ sehr zieht. Leider ohne großen Erfolg, weil keiner sie kennt, laut Anna natürlich typisch für Hater.

Paul schafft es schon gar nicht mehr zum Flieger. Er verstarb im Terminal. Wer konnte auch schon ahnen, dass man ohne Nahrung nicht überleben kann. Im Internet haben ja auch alle gesagt das geht.
Immerhin starb er bei etwas, dass ihm viel Freude bereitete, so wird man es später in der Todesanzeige verkünden.

Heike besteigt den Flieger und wird mit jedem Meter, dem sie dem Piloten näherkommt, geiler. Sie kann ihn förmlich riechen und schmecken. Schnell wird die Bluse ein wenig aufgeknöpft, er soll wissen was Mama zu bieten hat. Endlich im Flieger will sie den Piloten sehen, vor ihr steht plötzlich eine blonde Frau, gekleidet wie ein Pilot. „Ähm ja hallo, ich will den Piloten begrüßen“, poltert Heike los. „Schön, der steht vor ihnen“, erwidert die Dame. „Ja, aber sie sind doch eine Frau“, erwidert Heike. „Wir dürfen jetzt auch fliegen, außerdem muss ich den Flieger nicht rückwärts einparken“, scherzt die Piloten. Das Gesicht von Heike lässt sich lesen wie ein Buch und der Titel des Buches wäre „Ekel in all seinen Fassetten“.
Sie lässt dabei ein kurzes „ahja“ ertönen und geht verwirrt zu ihrem Sitz. Heike sieht ihr Traumleben an sich vorbeiziehen und ist nun besorgt, dass sie ggf. lesbisch werden muss.

Als alle das Flugzeug betreten hatten und auf ihren Plätzen saßen, verkündigte die Piloten, dass aufgrund einiger technischen Probleme das Flugzeug nicht abheben kann und man nun ein anderes Flugzeug zur Verfügung stellen würde.

Reisen ist doch schon was schönes.

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